Immobilien als strategisches Element der Supply Chain
Autoren
Julian Schinke
Die falsche Frage kostet Milliarden
Die meisten Industrieunternehmen behandeln ihre Immobilien wie Infrastruktur: notwendig, aber kostenseitig zu optimieren. So stellen sie ihrem Immobilienmanagement immer wieder die Frage: Wie senken wir Kosten, minimieren Flächen und verlängern Verträge möglichst effizient?
Der Unterschied ist nicht semantisch – er ist strategisch. Wer Immobilien als Kostengröße managt, optimiert eine Kennzahl. Wer sie als Bestandteil der Supply Chain begreift, steuert Resilienz, Kapazität und Transformationsfähigkeit. Beides beginnt mit derselben Liegenschaft, kann aber zu grundlegend anderen Entscheidungen führen.
Die richtige Frage lautet somit: Welche Rolle spielen physische Standorte in der Fähigkeit dieses Unternehmens, seine Wertschöpfungskette morgen zu betreiben, nicht nur heute?
Industrieunternehmen optimieren ihre Supply Chain mit chirurgischer Präzision: Lieferantennetzwerke, Lagerbestände, Transportrouten, Produktionsauslastung. Und dann stehen Werke, Lagerhallen und technische Anlagen in einer separaten Säule – verwaltet von einer Funktion, die historisch für Stabilität gebaut ist, nicht für strategische Steuerung. Solange das so bleibt, ist reaktives Immobilienmanagement kein neutrales Versäumnis. Es ist ein strategisches Risiko.
Was sich verändert hat – und warum es die Prämisse verschiebt
Die Logik der Wertschöpfung hat sich verändert. Nicht graduell, sondern strukturell. Wertschöpfung entsteht heute zunehmend durch das Zusammenspiel von Menschen, Software-Agenten, KI und Robotik. Maschinen handeln, koordinieren, entscheiden.
Das klingt zunächst wie ein Technologiethema. Es ist ein Standortthema.
Denn wenn Wertschöpfung zunehmend durch das Zusammenspiel von Menschen, Daten und automatisierten Systemen entsteht, dann hängt die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens davon ab, wo es diese Fähigkeiten aufbaut – und welche physische Infrastruktur sie trägt. Energieversorgung, Konnektivität, Talentpotenzial, logistische Erreichbarkeit: Das sind keine Immobilienparameter. Das sind Wettbewerbsfaktoren.
Wer entscheidet, wo ein Unternehmen produziert, wo es Wissen aufbaut, wo es Talente entwickelt, der entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit.
Drei Kräfte, die Immobilien zur Supply-Chain-Variablen machen
Drei strukturelle Kräfte machen diesen Perspektivwechsel zwingend – und keine davon lässt sich mit klassischem Kostenmanagement steuern.
1. Drei Lebenszyklen driften auseinander – und niemand managt den Konflikt
Das ist der strukturelle Kern des Problems, und er wird in der Praxis fast vollständig ignoriert.
Ein Industriestandort bindet für mehrere Dekaden und nicht selten generationsübergreifend. Ein Produktionszyklus dreht sich in 5 bis 10 Jahren. Und die geopolitische Lage – Handelspolitik, Tarifregimes, Energieverfügbarkeit, politische Stabilität – verändert sich heute schneller als je zuvor.
Das Ergebnis: Unternehmen treffen Immobilienentscheidungen für eine Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt, wenn die Entscheidung vollständig wirksam wird. Ein konkretes Beispiel: Ein Werk, dessen Standortwahl auf Energiekosten von 2022 basiert, bevor die Strompreise in sechs großen Industriemärkten um 18 % gestiegen sind, und dessen Lieferantenstruktur sich seit den Zollrunden von 2025 grundlegend verändert hat. Und das in einer Region liegt, deren Fachkräftepotenzial der demografische Wandel bereits heute spürbar verschiebt: Dieser Standort ist nicht falsch. Aber er ist suboptimal auf eine Art, die in der Bilanz noch nicht sichtbar ist, in der Operationsfähigkeit aber bereits wirkt.
(Quelle: JLL, Corporate Real Estate Trends to Watch)
Die strategische Konsequenz ist Flexibilisierung nach Kritikalität: Welche Standorte sind unverzichtbar für die Kernwertschöpfung und müssen langfristig gesichert werden? Welche sind operativ notwendig, aber ersetzbar – und sollten flexibel strukturiert werden? Welche sind peripher und sollten aktiv reduziert werden?
Diese Differenzierung existiert in den meisten Industrieunternehmen nicht. Portfolios werden historisch gewachsen verwaltet. Das ist keine Kritik an der Immobilienfunktion. Es ist eine Kritik an der Governance, die diese Frage nicht stellt.
2. „Access to Power" ist ein Supply-Chain-Kriterium, nicht nur eine Standortfrage
Der Energiebedarf industrieller Standorte steigt strukturell. Automatisierung, Elektrifizierung von Produktion und Logistik, KI-gestützte Fertigungssysteme, Ladeinfrastruktur für Flotten – all das treibt den Strombedarf in Dimensionen, die vor zehn Jahren undenkbar waren. In sechs großen Industriemärkten stiegen die Industriestrompreise zwischen 2019 und 2024 um rund 18 % – nach einer Phase mit nur 4 % Wachstum in den fünf Jahren davor.
(Quelle: JLL, Where energy meets property)
Gleichzeitig ist Netzanschlusskapazität in vielen europäischen Regionen bereits heute ein limitierender Faktor. In EMEA-Primärmärkten liegen Grid-Wartezeiten bei bis zu zehn Jahren. 78 % der Industrie- und Logistikunternehmen würden nach ein bis fünf größeren Stromausfällen pro Jahr einen Standortwechsel erwägen.
(Quellen: JLL, EMEA data centre mid-year 2026 report; Prologis Report: Deutschlands Lieferketten stehen vor Strominstabilität und steigender Nachfrage nach Automatisierung | Februar 11, 2026 | Prologis)
Verfügbare Stromkapazität ist kein technisches Detail im Raumprogramm. Sie ist eine strategische Ressource und ein Wert - vergleichbar mit Wasserrechten in der Lebensmittelindustrie oder Hafenzugang in der Logistik. Wer sie nicht früh sichert, kann sie nicht nachträglich kaufen. Ein Standort ohne skalierbare Energieversorgung ist kein flexibler Standort. Er ist ein starrer – unabhängig davon, wie gut er heute funktioniert. Und ein Portfolio, das dieses Kriterium nicht systematisch erfasst, hat eine strukturelle Lücke in seiner Resilienzplanung.
3. Demografischer Wandel gefährdet den Betrieb – nicht nur die Rekrutierung
Der demografische Wandel wird in Industrieunternehmen als HR-Problem behandelt. In Wirklichkeit ist er ein Betriebsrisiko für kritische Immobilien.
Werke, Logistikzentren und technische Anlagen mit hoher Kritikalität für das Kerngeschäft sind auf qualifiziertes Personal für ihren Betrieb angewiesen, für Wartung, Instandhaltung, technische Steuerung, Sicherheitssysteme. Genau dieses Personal wird knapper: strukturell, nicht temporär. In Deutschland fehlten laut IW Köln im Juni 2025 über 391.000 qualifizierte Fachkräfte, bis 2028 erwartet das Bundesministerium für Arbeit anhaltende Engpässe in technischen Berufen. Die erwerbsfähige Bevölkerung Deutschlands wird bis 2035 um weitere 3,5 Millionen Personen schrumpfen.
(Quellen: Einkommensrechner 2025: Wie wohlhabend bin ich im Vergleich?; Mittelfristprognose: Arbeitsmarktdynamik bis 2025 - BMAS; Prognos Zukunftsatlas 2025 | Prognos)
Die Konsequenz für das operative Immobilienmanagement in Industrieunternehmen (CREM) ist konkret: Eine Immobilienorganisation, die auf Beschaffungsmodelle setzt, die Fachkräfte voraussetzen, die so nicht mehr verfügbar sind, gefährdet die Betriebsfähigkeit ihrer Liegenschaften – und damit die Supply Chain, die auf ihnen basiert.
Die Antwort liegt in klugen Organisations- und Beschaffungsstrategien – und in einer Erkenntnis, die viele CREM-Organisationen bislang ausblenden: Auch strategische Partner konkurrieren um dieselben knappen Fachkräfte. Beschaffung verlagert das Risiko, sie löst es nicht.
Vier Fragen strukturieren die Antwort: Welche Leistungen müssen in eigener Hand gehalten werden? Welche können über strategische Partnerschaften abgesichert werden, dort wo Marktverfügbarkeit dies zulässt? Welche lassen sich durch Automatisierung und digitale Steuerung personalextensiver gestalten? Und: Wo muss CREM aktiv an der Standortattraktivität für Fachkräfte mitwirken, statt deren Verfügbarkeit als gegeben vorauszusetzen? Diese Fragen sind keine Einkaufsfragen. Sie sind Designfragen für eine CREM-Organisation, die langfristig lieferfähig bleiben will.
CREM muss sich neu erfinden – Framework zuerst, TOM als Konsequenz
Immobilienentscheidungen müssen in denselben strategischen Prozessen stattfinden wie Supply-Chain-Entscheidungen – nicht nach ihnen. Das ist die richtige Anforderung. Das eigentliche Problem: Viele CREM-Organisationen sind für diese Rolle nicht gebaut.
Die meisten operieren heute auf dem Niveau eines Verwalters: strukturiert, kostenorientiert, nach innen gerichtet. Die Anforderungen der nächsten Dekade verlangen jedoch einen Value Creator: eine CREM-Funktion, die strategisch am Kerngeschäft ausgerichtet ist, wert- und transformationsorientiert steuert und C-Suite-verankert entscheidet. Diese Lücke lässt sich nicht durch bessere Einzelmaßnahmen schließen. Sie erfordert einen strukturierten Transformationsansatz auf Basis eines angepassten Mindsets.
Der Ausgangspunkt ist ein CREM-Framework, das als Diagnose- und Gestaltungsrahmen entlang von sechs Dimensionen wirkt: Strategy & Ambition, Organization, Processes & Operation, Portfolio Strategy & Management, Technology, AI & Tools sowie Governance & KPIs. Diese Dimensionen leisten zweierlei gleichzeitig: Sie übersetzen die immobilienwirtschaftliche Betrachtungslogik in die Sprache der Kernorganisation – Kapitalallokation, Risikobewertung, Transformationsdruck – und machen den Reifegrad der CREM-Organisation entlang jeder Dimension messbar und entwickelbar. Das Framework schafft die Anschlussfähigkeit, die CREM braucht, um als Sparringspartner auf Augenhöhe mit CEO, CFO und COO zu operieren.
Aus dem Framework leitet sich das Target Operating Model ab – als organisatorische Antwort auf das, was das Framework vorgibt. Das TOM übersetzt die Ambition in Struktur: Welche Rollen, Prozesse, Sourcing-Entscheidungen und Steuerungsmechanismen braucht eine CREM-Organisation, die strategisch anschlussfähig nach oben und operativ lieferfähig nach unten ist?
Ein Beispiel macht das greifbar: Ein Hersteller von Antriebskomponenten mit 40 Werken und Logistikstandorten in Europa. 60 % der Liegenschaften waren historisch gewachsen, ohne Priorisierung nach strategischer Kritikalität – Kapital war in Standorten mit sinkender Relevanz gebunden, während Kapazität für Zukunftstechnologien fehlte. Zweitens: An drei Kernstandorten für die Fertigung von Elektroantrieben limitierte die verfügbare Netzanschlusskapazität bereits geplante Elektrifizierungsprojekte, ohne dass dies im Immobilienreporting sichtbar war. Drittens: An zwei kritischen Werken lag der Altersdurchschnitt des technischen Wartungspersonals über 52 Jahre, ohne Nachfolge- oder Sourcing-Strategie.
Das TOM übersetzte diese Erkenntnisse in konkrete organisatorische Antworten. Die zehn kritischsten Standorte wurden langfristig gesichert und erhielten dedizierte Portfolio-Verantwortliche. Sieben Standorte mit sinkender strategischer Relevanz wurden zur Disposition gestellt und über 24 Monate reduziert. Für die Netzanschlussfrage führte das Unternehmen ein Energie-Standort-Scoring ein, das seither jede Standortentscheidung mitsteuert. Und für die Wartungsfunktion an den Altersrisiko-Standorten entstand ein strategisches Partnernetzwerk, ergänzt um ein digitales Instandhaltungssystem, das die Abhängigkeit von einzelnen Fachkräften reduziert.
Das Ergebnis: Aus einem historisch gewachsenen Portfolio wurde eine Steuerungsgröße – mit klarer Zuordnung von Kapital, Risiko und Verantwortung. Das ist keine Reorganisation. Es ist eine Neukalibrierung dessen, wofür CREM überhaupt gebaut ist.
Wo muss sie Leistungen in eigener Hand halten? Wo schafft ein strategisches Partnernetzwerk die Resilienz, die eigene Kapazität allein nicht mehr leisten kann? Und wie wird die Organisation durch Technologie und KI so gestützt, dass sie mit wachsender Portfoliokomplexität und schrumpfendem Fachkräftepotenzial Schritt hält?
Die Immobilienwirtschaft reagiert noch immer auf Symptome. CREM in Industrieunternehmen kann sich dasselbe Muster nicht leisten.
Wer die Wertschöpfungskette der nächsten Dekade immobilienseitig absichern will, braucht eine CREM-Organisation, die strategisch denkt und operativ liefert – zur gleichen Zeit. Das Framework legt den Rahmen. Das TOM setzt es um. Beides zusammen ist keine Optimierungsaufgabe. Es ist eine Transformationsaufgabe. Sie möchten Ihre CREM-Organisation strategisch neu ausrichten? Erfahren Sie mehr über unsere CREM-Beratung und JLL Consulting.